Im Gespräch mit Marco Scheiterbauer, DTU Bundestrainer – „…wenn der Turnierbetrieb länger ausbleibt werden wir bei den Athleten vielleicht motivationale Auswirkungen sehen.“

In Nürnberg haben am Taekwondo Bundesstützpunkt vom 09. bis 12.07. die ersten Kaderlehrgänge nach Corona stattgefunden. Die Sportler haben das Angebot dankend angenommen. Wir hatten die Gelegenheit den Bundestrainer Marco Scheiterbauer ein paar Fragen zu stellen. Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Wie sieht er die Entwicklung der Sportler? Wir sind beeindruckt, wie offen aber auch souverän und freundlich sich Marco Scheiterbauer unseren Fragen gestellt hat. 



Herr Scheiterbauer, wie zufrieden waren sie mit dem Lehrgang? Haben sich die Sportler in der Coronapause sehr verändert? 
MS: Nachdem wir im März auf dem Höhepunkt der Vorbereitungsphase aus dem Trainings- u. Turnierbetrieb „gerissen“ wurden und bis dahin eine sehr intensive gemeinsame Zeit verbracht haben – waren alle nach Wochen der „Isolation“ froh das wir wieder gemeinsam trainieren konnten. Wenn man die Athleten*Innen über mehrere Wochen nicht sieht stellt man bei einigen fest das sie einen „Wachstumsschub“ hinter sich hatten. Einige haben die Wettkampfpause für intensives Krafttraining genutzt und sind mit mehr Muskelmasse bei den Lehrgängen erschienen. Wiederum ein paar wenige haben die Gewichtsklasse gewechselt 😉 was aber ganz normal ist.

Wie zufrieden waren Sie mit der Fitness der Athleten?
MS: Wir mussten nach den ersten Leistungstests feststellen, dass konditionelle Defizite vorhanden waren. Diese hatten wir zwar erwartet jedoch nicht in dieser ausgeprägten Form. Zudem nahmen wir Defizite beim Taekwondo wahr – speziell bei den mit Partner orientierten Training, durch die lange „kontaktlose“ Trainingsphase. Die Fitness können jungen Athleten*Innen sehr schnell kompensieren und mittlerweile haben wir bei fast allen Lehrgängen einen Sparringstag eingeführt bei dem wir einen Wettkampf simulieren, so dass wir jetzt wieder auf einen guten Stand sind. Aktuell fehlt es an der wettkampfspezifischen Ausdauer, die sich zwar durch harte Einheiten kompensiere lässt aber ganz wettkampfnahe Verhältnisse können wir nie nachstellen, dass müssen sich die Athleten*Innen im Wettkampf erarbeiten.
Geschuldet war der unterschiedliche Fitnesszustand aufgrund der verschiedenartigen Restriktionen in den verschiedenen Bundesländern. Manche hatten sehr starke Einschränkungen einige durften sehr früh mit dem gewohnten Training im Verein wieder beginnen. Ebenso waren die „At-home-Trainingsbedienungen“ sehr unterschiedlich es gab sehr kreative Eltern oder Vereine z.B. wurden Keller und Garagen als Trainingsmöglichkeiten umfunktionieren oder bestanden bereits. Vereine haben den Athleten*Innen Equipment zur Verfügung gestellt. Manche Vereine waren digital führend in der Betreuung durch „Onlinetraining“. Unser Spitzenverband hat 4 Wochen Trainingspläne für die Athleten*Innen erstellt und bereitgestellt.

Was hat sich für Sie in der Coronapause speziell geändert? Wie geht es weiter mit Taekwondo in Deutschland?
MS: Speziell für mich und meine Familie haben wir festgestellt das ich seit langem einen ununterbrochenen mehrwöchigen Aufenthalt Zuhause hatte 😉
Als Trainer ist die Hauptaufgabe das Training zu gestalten. Wenn wir „Remote-Arbeiten“ müssen fehlt uns der Kontakt zu den Athleten*Innen und wir sind sehr eingeschränkt in der Arbeitsweise.
Wir haben in unseren Verband sehr früh mit den Maßnahmen der Nachwuchsmannschaften unter Einhaltung aller Richtlinien und einem speziell ausgearbeiteten Hygienekonzept begonnen. Wir werden weiterhin versuchen die Lehrgangsmaßnahmen auf einem sehr hohen Niveau zu halten und den Athlet*innen die Plattform bieten sich untereinander zu messen, umso ihren Leistungsstand feststellen zu können und durch gutes Training weiter an ihrer Entwicklung zu arbeiten.

Als Bundestrainer haben Sie es nicht leicht. Ich kann mir vorstellen das gerade bei Nominierungen eher der Grund gesucht wird, warum Sie sich gegen einen Sportler entschieden haben, anstatt warum Sie sich für einen anderen Sportler festgelegt haben. Wie gehen Sie damit um? Wer ist empfindlicher der Sportler oder die Eltern?
MS: In dem Moment in dem man sich zwischen mehreren Athleten*Innen entscheiden muss ist es natürlich so, dass sich der nicht berücksichtigte Athlet und dessen Umfeld (Heimtrainer, Betreuer und Eltern) zurückgewiesen fühlen bzw. fühlen sie ihre Arbeit indirekt nicht genügend wertgeschätzt. Das ist natürlich nicht so. Unsere Heimtrainer machen einen enorm starken Job. Die Eltern sind die wichtigste Schnittstelle, da sie zwischen den Athleten, Trainern und dem sozialen Umfeld die bedeutendste Rolle spielen und das beginnt nicht erst wenn ein Athlet*In im Nationalteam ist sondern das beginnt im dem Moment in dem sich das Kind entschiedet am Sport teilzunehmen – eine Nominierung ist immer nur eine Momentaufnahme und spiegelt die aktuelle Form oder ein Zeitfenster dar in dem ein Sportler gegenüber einen anderen besser „performt“ hat. Dies kann mehrere Gründe haben. Gerade im Nachwuchsleistungssport spielen die verschiedenen Entwicklungsstufen eine große Rolle. Manchmal wirken sich Verletzungen auf die Leistung aus. Auch schulischen oder private Einflussfaktor der Athleten*Innen haben Auswirkungen auf die sportliche Leistung. Ich versuche den Athleten das immer bestmöglich darzustellen. Aber es ist für einen Trainer immer schwierig es gehört aber zu dem Beruf diese harten Entscheidungen zu treffen.
Sportler sind pragmatischer hier zählt gewinnen oder verlieren und ich glaube die meisten können ihre Situation vor einer Normierung immer gut einschätzen.  Jeder weiß selbst wenn man selbst Kinder hat das man sein Kind vor einer harten Entscheidung immer schützen möchte deshalb glaube ich ist für Eltern die Entscheidung contra immer härter. Im Laufe meines Trainerjobs habe ich sehr viele tolle Beispiele für Eltern kennengelernt die ihre Kinder besonders gut unterstützen, um eine Nominierung zu erhalten und im Falle einer nicht erhaltenen Nominierung für ihre Kids da waren und sie super unterstützt haben, so dass sie weiterhin am Sport festgehalten haben.

Tut Ihnen das manchmal auch weh? Ich kann mir vorstellen, dass man zu jedem Sportler im Laufe der Zeit eine Beziehung entwickelt?
MS: In meinen Augen hat es jeder verdient der sich für diesen harten aber auch sehr schönen Weg des Leistungssport entschieden hat. Aber wir haben eben nicht unendlich Gewichtsklassen oder „Spots“ im Nationalteam. Man muss viel entbehren und wenn man einen Sportler sieht der all das auf sich nimmt und dafür nicht belohnt wird fühlt man selbstverständlich mit besonders wenn man die Sportler lange begleitet. Es darf aber keine Rolle für einen Trainer spielen, da er die Aufgabe hat die besten zu selektieren und nicht diejenigen mit denen man eine besonders gute Verbindung hat. Besonders in der Nationalmannschaft muss das Leistungsprinzip gelten, denn das ist die Spitze des Verbandes und soll die Elite darstellen die alle erreichen wollen.

Neue Reizpunkte, gezieltes Training, Verbesserung der Schwächen etc. – das sind für mich positive Eigenschaften zusätzlich als Ergänzung zum Vereinstraining. Die DTU macht viel für die Förderung der Sportler. Sie begleiten solche Aktivitäten sehr intensiv, für Sie steht dabei das Leistungsprinzip absolut im Vordergrund. Trotzdem möchten die Vereinstrainer ihre Sportler am liebsten selbst bei offiziellen Wettkämpfen (bei den Wettkämpfen, wo der Sportler für die DTU startet) am liebsten selbst begleiten. Können Sie das nachvollziehen? Im Fußball wäre das übrigens gar nicht vorstellbar. Wie stehen Sie dazu?
MS: Das kann ich selbstverständlich nachvollziehen. Bei einer Weltmeisterschaft/Europameisterschaft oder bei Olympischen Spielen zu coachen und sich unter den Besten der Welt zu beweisen und in einem starken Teilnehmerfeld als Team (Sportler und Coach) gemeinsam zu bestehen und erfolgreich zu sein ist eine ganz besondere Erfahrung die ich jedem Trainer wünsche der auf höchster Ebene arbeitet, weil man sehr viel davon lernen kann. Da die Heimtrainer sehr viel Engagement und Zeit für die Entwicklung junger Talente investieren verstehe ich diesen Wunsch natürlich man möchte „was man säet natürlich auch ernten“. Wir sehen z.B. in der Leichtathletik die Athleten und Heimtrainer sehr viel im Austausch und Kontakt während der Wettkämpfe dies kann sehr erfolgreich sein.
Anders betrachtet stellt der DOSB für die vorhandenen Strukturen und zum Ausbau von Trainerstellen für den Spitzenverband sehr viel Geld zur Verfügung. Ein Bundestrainer, so wie ich meine Kollegen und ehemalige Bundestrainer kennengelernt habe wollen natürlich auch einen guten Job machen und die Athleten und Athletinnen während der Turniere betreuen. Aber für mich stellt sich nicht die Frage wer coachen soll – sondern was ist das Beste für den Sportler*In, wer hat die beste Verbindung, den besten Draht zu den jeweiligen Sportler*In? Denn unser Job als Trainer ist es eine Plattform bereitzustellen auf der die jeweiligen Athlet*In erfolgreich sein können und das kann mit dem Heimtrainer oder mit dem Bundestrainer sein und es kann aber auch eine unheimlich erfolgreiche Symbiose aus beiden sein. Es gilt sein eigenes Ego zurückzustellen und den Athleten*In in den Vordergrund zu stellen und dafür zu sorgen das er / sie erfolgreich „performen“ kann. Für mich als Trainer ist es sehr wichtig das ich Athleten*Innen technisch-taktisch so ausbilde, dass sie während des Wettkampfes alleine die richtigen Entscheidungen treffen können, da die Zeit für Athleten*Innen hierfür viel zu gering ist um Anweisungen in einer Wettkampfsituation umzusetzen zu können das kann von der Verarbeitung der Informationen nicht in dieser Geschwindigkeit von statten gehen. Man muss den Athleten*Innen auch die Freiheit und das Selbstvertrauen geben diese Fähigkeiten auszuprägen. Eine für mich ausgemachte Schwäche ist hierbei die „Meisterlehre“ in den Kampfsportarten. Wenn ein Sportler nicht in die taktischen Entscheidungen mit einbezogen wird – wie soll er diese Strategien  umsetzen dann umsetzen? Junge Athleten*Innen benötigen sicherlich mehr Führung / Coaching jedoch ist für mich der ideale Athlet der eine gute taktische Ausbildung erhalten hat und Schlüsselmoment im Kampf selbstständig erkennt und genau weiß was er tun muss dann habe ich als Trainer gut gearbeitet und einen selbstbewussten erfolgreichen Athleten kreiert.

Das Jahr ist schon fast vorbei, geplant werden zum Jahresende noch ein paar Turniere. Sind Sie froh, dass es wieder los geht? Was erwarten Sie von den Sportlern aus dem Bundeskader?
MS: Natürlich wäre ich froh wenn wir wieder Turniere kämpfen könnten aber aktuell sehen wir einen zweite Infektionswelle, so dass ich nicht mit einem guten Gewissen den Athleten*Innen eine Turnierteilnahme empfehlen könnte. Wir sind noch zu weit weg um einen sicheren Turnierablauf zu gewährleisten. Ein sehr gutes Konzept wurde vom Deutschen Basketball Bund, UEFA oder die US Open. Hier wurde eine „Blase“ errichtet und vorher und während dessen ausgiebig getestet – nur so kann ich mir einen Wettkampfbetrieb gut vorstellen bei dem die Athleten gesund bleiben. Es gab ja bei den US Open dazu auch kritische Stimmen, weil sich die Spieler sehr isoliert fühlten für die Gesunderhaltung ist es für mich aber nur so vorstellbar.

Welche Turniere werden Sie besuchen? 
MS: Ich denke nicht das wir mit einem Nachwuchsteam ein Turnier besuchen werden, weil wir hier als Verband noch mehr Verantwortung tragen.

Wird sich im nächsten Jahr etwas ändern?
MS: Mit Zulassung von Schnelltests – hier stehen wir in engen Kontakt zu Experten – könnten wir evtl. Turniere durchführen. Ebenso könnte der Impfstoff wieder zur Normalität führen.

Weniger Turniere?
MS: Ohne Impfstoff oder Schnelltest ist das Infektionsgeschehen schlecht unter Kontrolle zu halten. Somit werden wir noch mit den Auswirkungen der Pandemie kämpfen.

Fehlt es dem Taekwondo evtl. an Nachwuchs?
MS: Aktuell sehe ich noch keine Gefahr für den Taekwondo Nachwuchs – wenn der Turnierbetrieb länger ausbleibt werden wir bei den Athleten vielleicht motivationale Auswirkungen sehen.

Welches Loch hat evtl. Corona hinterlassen?
MS: Während des Lockdowns mussten Vereine schließen und hier sehe ich die größte Gefahr bei einem evtl. zweiten Lockdown, der evtl. finanzielle Auswirkungen auf die Vereine haben könnte.

Ich als Taekwondo Quereinsteiger war am Anfang sehr überrascht. Kampfsport und drei Jahrgänge in einer Jugendklasse. Macht das Sinn? Gerade in dem Alter von 8, 9, 10, 11, 12 ist die kognitive Entwicklung riesig und der Unterschied sehr groß. Macht man das, weil es schon immer so war oder weil einfach sonst noch mehr Gewichtsklassen evtl. kampflos bleiben?
MS: Die Jahrgangsregelung ist von den übergeordneten Verbänden so vorgegeben, um das zu ändern müssten sich die Vorgaben ändern. Man könnte natürlich national eine andere Schiene fahren, dass wird immer diskutiert da es bereits innerhalb eines Jahrgangs zu starken Leistungsgefällen kommt wenn Athleten die im Januar geboren sind auf Athleten treffen die im Dezember geboren sind. Allerdings gibt es eine Studie über den „relativ age effects“ die keine signifikanten Unterschiede im Taekwondo darstellt. Grund hierzu wird in der Einteilung der Gewichtsklassen vermutet, sowie in der hohen technischen Anforderung.

Was würden Sie evtl. ändern? Über welche Änderungen/Neuerungen würden Sie sich freuen? Oder gefällt Ihnen die traditionelle Form? 
MS: Ich ärgere mich immer wieder über die gleichen Fehler die bei der Austragung von Taekwondo Turnieren gemacht werden z.B. zwei Waagen für über ca. 1000 Teilnehmer!?! Man sollte für jede Klasse eine Waage zur Verfügung stellen die im System zur Datenerfassung integriert sind. Dann gibt es immer Änderungen im Zeitplan – ich stelle mir dann immer vor was wäre wenn bei der Fußball CL der Anpfiff um 1 Stunde nach hinten verlegt werden würde und alle sitzen vor dem Fernseher und schauen auf ein leeres Spielfeld – im TKD passiert so etwas. Die Interpretation der jetzigen Regeln geht wieder in die richtige Richtung – ich würde auf höchster Ebene auch hauptberufliche Kampfrichter (z.B. Grand Prix) einführen, da die Kampfrichterleistung zeitweise starke Auswirkungen auf das Ergebnis eines Wettkampfverlaufes hat hier sollten Profis arbeiten. Dann würde ich mir ein elektronisches Wertungssystem wünschen das fehlerfrei funktioniert. Es gibt Studien die deutliche Abweichungen in der Funktion darstellen.

Glauben Sie wir haben im neuen Jahr wieder so etwas wie Normalität? Was wünschen Sie sich für 2021?
MS: Wie ich bereits erwähnt habe können wir zurück zu einer gewissen Normalität wenn wir einen Impfstoff und zulässige Schnelltest haben. Ich spreche wohl für alle wenn ich mir wünsche das wir 2021 die Pandemie hinter uns bringen können und wir wieder unser gewohntes Leben führen können.

Das letzte Wort gehört immer unseren Gästen…
MS: Vielen Dank für die Möglichkeit dieses Interview geben zu dürfen und ich wünsche euch für die Zukunft viele User / Leser und interessante Interviewpartner.

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