Taekwondo: Im Gespräch mit: Björn Pistel – Sportler aus Leidenschaft (Interview)

Der Name Björn Pistel ist, speziell in Nordrhein-Westfalen, fest mit dem Taekwondo-Sport verwurzelt. Als Coach der TG Jeong Eui Nettetal, hat der sympathische Nettetaler schon einige Sportler bei großen Turnieren begleitet. Aber nicht nur den bereits geformten Sportlern gehört seine Aufmerksamkeit. Wie kaum ein anderer beobachtet Pistel auch den Nachwuchs. Die Karriere von Madeline Folgmann ist fest mit ihm verbunden. Egal ob Gesundheit, Fitness, Lifestyle, Sportlerservice und Kampfsport, der Name „Pistel“ garantiert Erfolg.

Björn, obwohl Du so erfolgreiche Sportler wie z.B. Madeline Folgmann betreust, sieht man Dich bei fast jeden Nachwuchsturnier. Schaust Du dort nach neuen Talenten? Wie siehst Du grundsätzlich den aktuellen Nachwuchs in Nordrhein-Westfalen? Gibt es da Talente, die nachwachsen?
Björn Pistel: Bei den Nachwuchsturnieren sehe ich viele Kinder mit Talent, aber in dem Alter ist es schwer zu sagen ob sie es mal nach oben schaffen. Dazu gehört nicht nur Talent, sondern vor allem die Bereitschaft hart an sich und seinen Zielen zu arbeiten. Diese Eigenschaft bringen nur die wenigsten mit. Der Satz, dass „harte Arbeit das Talent schlägt“, ist meiner Meinung nach vollkommen zutreffend. Es wird in unseren Vereinen eine zum Teil hervorragende Nachwuchsarbeit und Förderung betrieben. Hier ist vor allem Swisttal zu nennen, aber auch der TS Wuppertal hat in letzter Zeit bewiesen, dass viele junge Athleten den Sprung an die Spitze schaffen. Grundsätzlich sehe ich aber, dass wir anderen Nationen noch hinterherhinken. Wenn ich beispielsweise bei den US Open die Jugendklassen sehe, sind die US Kids unseren weit voraus -von den Kids in Asien möchte ich da gar nicht erst anfangen. Aber wir hier in NRW schließen auf und gerade die in der Frage aufgeführten Altersklassen, haben eine gute Chance die Erfahrungen, die ihre Trainer in den vergangenen Jahren gemacht haben, zu nutzen und werden zu einer guten Generation werden. Da bin ich mir sicher.

Im NRW gab es einige Turniere, bei denen die TUNRW-Vereine ausdrücklich ausgeladen werden. Tut sich der DTU damit einen gefallen? Dem Nachwuchs fehlt doch gerade Wettkampf-Erfahrung, um auch mal erfolgreich zu werden. Wie siehst Du persönlich die aktuelle Situation?
Björn Pistel: Naja, als ausdrücklich ausgeladen habe ich mich nicht gefühlt. Wir als Vereine der TUNRW haben in den letzten Jahren eigene Turniere ins Leben gerufen oder haben die bestehenden, wie den Euregio Cup, optimiert, um den Athleten und Trainern einen Mehrwert zu bieten. Ich denke das ist uns schon ganz gut gelungen. Zum anderen finde ich, dass es nicht die Anzahl an Turnieren ist die unsere Kids besser macht, sondern die Erfahrung und die Wettkampfpraxis. Aus diesem Grund haben wir mit großem Erfolg die Sparringstage ins Leben gerufen, bei denen die Kids an einem Tag bis zu 10 Kämpfe absolvieren können. Somit viel mehr Erfahrungen sammeln können als auf jedem Turnier. Natürlich sind Turniere auch wichtig, gerade weil es da um Medaillen und Pokale geht und diese Bestätigung für die Kids wichtig ist. Leider ist die Konkurrenzsituation nicht in jeder Klasse so, dass viele Kämpfe für eine Medaille nötig sind. Daher finde ich ist es gut, Turniere und Sparringstage für unsere Kids in guter Kombination zu setzen.
Natürlich war die Situation in den letzten Jahren nicht optimal, aber ich denke positiv und sehe die Möglichkeiten, die sich für uns aus dieser Situation ergeben haben.

Madeline Folgmann war gerade in Manchester zur ihrer vierten WM. Wie begleitest Du als Club-Trainer die Turniere, wo Deine Schüler vom Bundestrainer gecoacht werden? Keiner hat mehr Anteil an der Leistung und kennt die Sportler besser als die Club-Trainer. Fällt es Dir manchmal schwer den Kämpfen fast machtlos nur zu schauen zu können?
Björn Pistel: Da gebe ich dir vollkommen recht, die Heimtrainer kennen ihre Athleten am besten. In einem voran gegangenen Interview, habe ich zu dem Thema ja schon einmal ausführlich Stellung genommen. Meiner Meinung nach sollte dieses magische Band zwischen Athleten und Trainer nicht getrennt werden. Dies machen uns andere Nationen wie z.B. Serbien erfolgreich vor. Dies ist aber ein strukturelles Problem in unserem nationalen Verband, aber auch in Sport-Deutschland. Dieses Problem haben auch andere Individualsportarten in Deutschland, denn die Förderstrukturen geben diesen Weg vor. Hier würde ich mir mehr Mut der Verbände wünschen, neue Wege zu gehen und nicht an veralteten Strukturen festzuhalten.
Und ja, es fällt mir zum Teil sehr schwer den Kämpfen nur von außen zu zuschauen. Denn meiner Meinung nach wäre viel mehr drin, wenn die Heimtrainer ihre Athleten coachen würden. Das hat nichts damit zu tun, dass die Heimtrainer die besseren Trainer sind, sondern sie haben das magische Band zum Athleten und kennen ihn und wissen was er in den wichtigen Momenten braucht oder auch nicht braucht.
Da es bis dato aber so ist wie es ist, versuche ich meine Athleten so gut es geht bei den Top Events zu unterstützen und ihnen den bestmöglichen Support zu geben.

Welche Rolle spielt der deutsche Taekwondo-Sport auf der Weltkarte? Wie groß sind die Chancen das mal ein Sportler auch bei Olympia erfolgreich sein kann?

Björn Pistel: Leider spielen wir auf der Taekwondo-Weltkarte nur eine kleine Rolle, was ich persönlich sehr schade finde bei einer Nation wie Deutschland, mit den Möglichkeiten den Sportlern in Deutschland geboten werden. Leider holen wir zu wenig aus dem uns Gebotenen heraus. Mehr Professionalität in allen Bereichen und Fokussierung auf das Wichtige, würde unsere Chance deutlich verbessern. Zum einen mehr Sportler an die Weltspitze heranzuführen und über einen langen Zeitraum dort zu etablieren. Wir müssen daran arbeiten das Erfolge reproduzierbar werden. In der Vergangenheit hatten wir mit Faissal Ebnoutalib und Helena Fromm ja bereits Athleten, die es bei Olympia bis in die Medaillenränge geschafft haben und großartige Erfolge gefeiert haben. Bei Helena und Carlos, der damals zugleich Heim- und Bundestrainer war, war die Situation perfekt, um diesen tollen Erfolg möglich zu machen. Es ist für unsere Randsportart extrem wichtig solche Erfolge zu haben. Zum einen um in das Rampenlicht der Medien zu kommen, Thema Sponsoring, zum anderen sind die Förderungen der Verbände stark an diese Erfolge gekoppelt. Daher müssen wir alle hart daran arbeiten diese Erfolge auch in Zukunft zu erzielen. Zurzeit werden leider von vielen Seiten Steine in den Weg gelegt und es wird gebremst anstatt gepuscht, aber wir wachsen bekanntlich am Widerstand. Von daher nehmen wir die Herausforderung seit Jahren an.

Wie sehr leidest Du als Trainer bei Wettkämpfen mit?
Björn Pistel: Wenn ich selber coache bin ich voll fokussiert auf den Wettkampf. Ich versuche alles optimal zu analysieren, um meinem Kämpfer den bestmöglichen Support zu geben. Wenn ich mal nicht selber an der Wettkampffläche sein kann, versuche ich das Gleiche. Allerdings gelingt mir das nicht immer von der Tribüne aus, da ist der Puls schon im obersten Bereich.

An welche Wettkämpfe erinnerst Du Dich immer wieder gerne?
Björn Pistel: Oh da gibt es viele, aber natürlich sind es die großen Events wie die Weltmeisterschaften und Europameisterschaften, aber auch Deutsche Meisterschaften, die im Besonderen hängen geblieben sind. Klar, dass da die Medaillengewinne von Madeline und Jens Leewen mir noch sehr präsent sind und ich gerne daran zurückdenke. Aber auch die besonderen Momente, zum Teil bei Nachwuchsturnieren, wo Kids über sich hinausgewachsen sind und für ihr Leistungsvermögen eine tolle Leistung gezeigt haben, haben mich berührt und bleiben fest in meiner Erinnerung.

Du bist nicht nur ein erfolgreicher Trainer, sondern auch selbst ein ehrgeiziger Sportler. Gibt es schon mal Minuten, wo Du es bereust, so viel Zeit in die Gemeinnützigkeit und Trainingseinheiten Deiner Sportler zu investieren. Anstatt sie evtl. selbst zu nutzen?

Björn Pistel: Auf jeden Fall gibt es diese Momente und natürlich werden die eigenen Belange oft hintenangestellt. Ich versuche, wann immer es die Zeit zulässt, für mich selber Sport zu machen und für mich so den Ausgleich zu finden. Aber Taekwondo ist meine Leidenschaft und ich liebe was ich mache, daher gibt mir die Arbeit mit meinen Athleten so viel, dass ich diesen Part in meinem Leben nicht missen möchte.

Du lebst den Sport, welche Wünsche möchte Du Dir noch erfüllen? Gibt es einen Titel den Du als Trainer oder als Sportler noch unbedingt erreichen möchtest?
Björn Pistel: Ein großer Wunsch, von einer eigenen Halle für meinen Verein, ist derzeit in Arbeit und ich hoffe das die Umsetzung nicht mehr lange auf sich warten lässt. Ansonsten denke ich nicht in Titeln und Medaillen, sondern so wie ich es meinen Athleten immer sage: von Kampf zu Kampf. Natürlich wäre es das Größte, wenn Athleten von mir mal bei einer Olympiade starten. Ich glaube fest daran, dass es möglich ist, aber davor müssen noch viele Kämpfe gewonnen werden, wofür ich jeden Tag mit meinen Athleten trainiere.

Wir haben gehört das Du auch dem Triathlon verbunden bist. Gibt es evtl. eine Gemeinsamkeit mit Taekwondo? Was fasziniert Dich persönlich am Sport?
Björn Pistel: Dem Triathlon bin ich persönlich nicht verbunden. Außer, dass ich gerne neben Taekwondo, Laufen gehe und mich gelegentlich auf mein Mountainbike schwinge. Durch meine Arbeit als Sporttherapeut und Personal Trainer gehören auch Triathleten und Marathonläufer zu meinem Kundenstamm. Diese betreue ich und gebe alles, um sie in ihrer Sportart weiter zu bringen und besser zu machen.
Sport ist seit meiner jüngsten Kindheit ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich liebe es selber aktiv zu sein und mir selber Ziele zu setzen. Irgendwann habe ich entdeckt, dass es mir sehr viel Freude bereitet diese Leidenschaft am Sport mit anderen zu teilen und andere dafür zu motivieren. Sport hat so viel Positives, zum einen für unseren Körper aus gesundheitlicher Sicht, vermittelt aber ebenso so viele positive Werte, Emotionen und Eigenschaften die ich gerne bei anderen Menschen wecke und fördere. Dass ich meine Leidenschaft, nach meinem Studium der Sportwissenschaften, zum Beruf machen konnte und mich in meiner weiteren Zeit dem Taekwondo widmen konnte, mit seinen vielen tollen Menschen die ich auf meinem Weg bereits kennen lernen durfte, sehe ich jeden Tag als tolle Gabe an die mich sehr erfüllt.

Wo siehst Du Taekwondo in den nächsten fünf Jahren?
Björn Pistel: Taekwondo wird immer professioneller im Wettkampf werden und dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Eine Folge wird sein, dass der Spagat zwischen der professionellen olympischen Sportart Taekwondo und der traditionellen Kampfkunst Taekwondo immer größer werden wird. Beides zu vereinen, ist meiner Meinung nach eine der großen Herausforderungen für die Vereine und Verbände in den nächsten Jahren. Der Taekwondo Wettkampf und die Kampfkunst sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide Seiten haben ihre Wichtigkeit und Wertigkeit. Die Seiten werden jedem einzelnen unterschiedlich gut gefallen und jeder wird seinen Schwerpunkt auf eine Seite legen, aber trotzdem gehören sie zusammen. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass der Breitensport weiterhin das breite Fundament für den Leistungssport darstellt und der Leistungssport die Vorbilder liefert, die gerade unsere Jugend benötigt. In der heutigen Zeit nötiger denn je. Ich vertrete jedoch auch die Meinung, die keineswegs dazu im Widerspruch steht, dass sich der Leistungssport im Verband weiter Professionalisieren muss und dabei nicht vom Breitensport bestimmt werden darf. Der Leistungssport muss sich selber verwalten und vor allem von Profis geführt werden. Es ist meiner Meinung nach einer der größten Fehler in unserem Verband, wie in vielen Verbänden in Deutschland, das Ehrenämter, eine Vielzahl an hauptamtlich Angestellten leiten und für diese verantwortlich sind. Daher denke ich, dass wir die Weichen für die Zukunft stellen müssen mit einer Vision für die kommenden Jahre. Wenn dies geschieht, haben unsere vielen guten Athleten gute Chancen, sich in einem professionellen Umfeld für große Ziele in ihren Vereinen zu entwickeln.

Vielen Dank, dass Du Dich wieder mal geduldig aber vor allem souverän unseren Fragen gestellt hast. Das letzte Wort gehört Dir…
Björn Pistel: Ich würde mir wünschen, dass Sportfunktionäre wieder zu einem Grundsatz zurückfinden und diesen zum Kredo ihres Handelns machen. Politik für den Sport und vor allem für die Aktiven im Sport zu machen und nicht für sich selber oder irgendeine Position. Das vermisse ich vielfach im deutschen Sport im Besonderen zurzeit in unserer schönen Sportart.

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